Ausserhäusliche Lehrzeit, Spracherziehung und Lebenslauf.

Abstract

Zwischen der deutschen und der französischen Schweiz existieren viele Beziehungen, die ethnologisches Interesse wecken. Im vorliegenden Fall betrifft dies den » Welschlandaufenthalt «: Ein populäres Kontaktmuster für junge Deutschschweizer, die sich nach Schulabschluss für ein Jahr in die Westschweiz begeben, um dort Französisch zu lernen. Wahrend man Töchter aus begüterten und bürgerlichen Schichten zu Erziehungs- und Bildungszwecken eher in Pensionate oder Institute schickt, werden Mädchen einfacherer Herkunft in eine Privatfamilie plaziert, wo sie als Haushalt- und Kindermädchen ein Volontariat absolvieren. Zwischen diesen Aufenthaltsmodalitäten bestehen Zusammenhänge , die sich aus einer sehr alten Bildungstradition ableiten lassen. Zu ihr gehören das Praktikum des mittelalterlichen Fernhandelskaufmanns, Studienaufenhalte an auswärtigen Universitäten, Erziehungsdienste an französischen Hofen und Adelshäusern ebenso wie Kriegsdienstleistungen und Auslandsreisen, denen Aufenthalte in Pensionaten und später Volontariate für Dienstboten und Haushalthilfen folgten. Die Popularisierung des Welschlandaufenthalts enthüllt eindrücklich die curriculare Bedeutung und belegt, dass alle Kontaktmuster einen Übergang zum Erwachsenenalter markieren, sei es als Erziehungsabschluss, sei es als Statuspassage mit Prestigegewinn. Höher als der Spracherwerb bewertet werden die individuellen Anpassungsleistungen an eine fremde Kultur: Es geht um eine ausserhäusliche Lehrzeit als Bewährungs- und Reifeprobe. Fremdaufenthalte dieser Art stehen in einer europäischen Erziehungstradition mit interkultureller Prägung, wie ein Blick auf andere Länder zeigt.

How to Cite

Gyr, U., (1988) “Ausserhäusliche Lehrzeit, Spracherziehung und Lebenslauf.”, Ethnologia Europaea 19(1), p.183-200. doi: https://doi.org/10.16995/ee.1399

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Ueli Gyr (Universität Zürich)

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